Geschichte

Der König der Kinder

Gegen das Vergessen. Für Güte, Mut und Zivilcourage.

Am 05. August 1942 umstellen SS-Männer ein jüdisches Waisenhaus in der Sliskastraße. „Alle Juden raus!“, schreien sie. Noch schlaftrunken kommen die Kinder die Treppe herab. Janusz Korczak, ihr vertrauter „alter Doktor“, verlässt als Letzter das Haus. Auf dem Arm hat er ein kleines Mädchen. Die Kinder nehmen sich an den Händen. In Viererreihen ziehen 200 Zöglinge des Waisenhauses, durch die Straßen des erstorbenen Warschau, auf den „Umschlagplatz“ in der Nähe des Danziger Bahnhofes. Korczak geht an der Spitze. Was er denkt, was er fühlt, wird niemand je erfahren. Über dem Zug weht die Fahne des Waisenhauses: ein goldenes vierblättriges Kleeblatt auf grünem Grund, wie es sich der Held aus Korczaks Roman „König Hänschen I.“ erträumt hatte, weil grün die Farbe der Hoffnung ist.

tl_files/na_klar_mag/menschen/geschichte/korczak/transport nach treblinka1.jpgDie ersten Jahre

Der in Warschau, Berlin, Paris und London ausgebildete Kinderarzt hatte selbst eine bewegte Kindheit. Geboren wird er als Henrik Goldszmit in Warschau 1878 oder 1879. Da der Vater sich erst Jahre später um einen Geburtsschein bemüht, lässt sich das genaue Datum nicht mehr feststellen. Die ersten Jahre wächst er in einer Welt des Wohlstands auf. Nach dem frühen Tod des Vaters, der das gesamte Vermögen verspielt hat, nimmt der junge Mann jede Arbeit an, die er bekommen kann, um die Familie zu ernähren. Er beginnt zu schreiben.

tl_files/na_klar_mag/menschen/geschichte/korczak/lagerpost.jpgKinderarzt und Buchautor

1899 gewinnt er unter dem Künstlernamen Janusz Korczak einen literarischen Wettbewerb. Diesen Namen wird er für den Rest seines Lebens behalten. Er schreibt seine ersten Romane „Kinder der Straße“ und „Kind des Salons“, in denen er seine eigene Kindheit schildert. Sie machen ihn berühmt. 1904 beendet er sein medizinisches Studium, arbeitet in mehreren Kliniken und unterschiedlichen Ländern. Er ist geschätzt und gesucht als guter Kinderarzt.

Er folgt seiner Berufung

1911 gibt er seine gutgehende Praxis als Kinderarzt auf und übernimmt das nach seinem Entwurf errichtete „Haus der Waisen“ in Warschau. Das Gebäude ist hell, freundlich und offen und die Kinder wirken selbstbewusster und fröhlicher, als in anderen Heimen. Auf dem Dach weht die grüne Fahne der Kinderrepublik. Es gibt ein Kinderparlament, eine Selbstverwaltung, ein Gericht und eine eigene Zeitung, „Die kleine Rundschau“. Die erscheint seit 1926 als wöchentliche Beilage zur jüdischen „Unsere Rundschau“, einer großen Zeitung der Zwischenkriegszeit. Zum ersten Mal in der Pressegeschichte machen Kinder eine eigene Zeitung.

tl_files/na_klar_mag/menschen/geschichte/korczak/majdanek_schuhe.jpgKinderrechte

Als 1914 der erste Weltkrieg ausbricht, wird er als Militärarzt eingezogen. Selbst dort im Krieg lassen ihn die Kinder nicht los. Es entsteht sein pädagogisches Hauptwerk: „Wie man ein Kind lieben soll.“ Darin formuliert er unter anderem die Menschenkinderrechte: Das Recht des Kindes auf Achtung; Das Recht des Kindes auf den heutigen Tag; Das Recht des Kindes auf seinen Tod ... 1919 entsteht in Warschau „Unser Haus“, ein zweites nach dem System Korczaks geführtes Waisenhaus. Damit wird er schon zu Lebzeiten eine Legende. Reformpädagogen aus aller Welt kommen nach Warschau, um von Korczak zu lernen. 1923 wird eines seiner besten Werke veröffentlicht, der Roman „König Hänschen I.“, die Tragödie eines empfindsamen, gescheiten Jungen, der das Schicksal hatte, als König geboren zu werden und der die Welt verbessern wollte.

Radioplaudereien

Die Gespräche Korczaks mit Kindern vor dem Mikrophon des Polnischen Rundfunks, die sogenannten „Radio-Plaudereien des alten Doktors“, locken nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene an die Lautsprecher und werden ungemein populär. 1936 wird die beliebte Sendung eingestellt. Die Antisemiten im Radio, das sind judenfeindliche Menschen, wollen keinen Juden mehr ans Mikrophon lassen. Während der Belagerung Warschaus, im zweiten Weltkrieg, hält der alte Doktor wieder Rundfunkansprachen, redet den Menschen gut zu und erklärt den Kindern, wie sie sich angesichts der Gefahren verhalten sollen, um die Zahl der Opfer gering zu halten.

tl_files/na_klar_mag/menschen/geschichte/korczak/schienen.jpgUmzug ins Ghetto

1940 muss das Waisenhaus ins Ghetto umziehen. Schreckliche Zeiten des Hungers, der Verachtung und Vernichtung brechen an. Korczak, seine Mitarbeiter und die Kinder leben eingeengt und unter unbeschreiblichen Bedingungen. Freunde von der anderen Seite der Mauer bemühen sich darum, Korczak aus dem Ghetto herauszuholen. Er aber will bei seinen Kindern bleiben. Am 05. August 1942 passiert das Unfassbare. SS Männer räumen das Waisenhaus und treiben die Kinder und ihren Doktor zum Bahnhof. Dort wartet ein Zug.

tl_files/na_klar_mag/menschen/geschichte/korczak/treblinka_grabsteine.jpgDie Hoffnung stirbt zuletzt

Der Zug fährt ab in das Vernichtungslager Treblinka. 120 km nordöstlich von Warschau müssen sich alle ausziehen und „duschen“. Das bedeutet, sie werden mit Gas getötet. Korczak begleitet die ihm anvertrauten Kinder freiwillig in den Tod; Angebote zu seiner Rettung lehnt er ab. Bis August 1943 sterben in den Gaskammern Treblinkas 870.000 Menschen. Heute reichen die symbolischen Grabsteine aus rötlich schimmerndem Granit bis an den Horizont. Es gibt nur ein einziges Grabmal mit einem Namen: “Janusz Korczak (Henryk Goldszmit) und seine Kinder“.

Anja Scheik

 

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Kommentar von Petra Malo | 20.11.2010

Vielen Dank Anja, ein wunderbarer Bericht für diesen großen Mann. In keinster Weise rührselig und gerade deshalb sehr einfühlsam. Für viele Schüler, deren Schulen nach Korczak benannt sind (und für andere auch), wäre es gut, das alles zu wissen ...

Kommentar von Redaktion Anja Scheik | 20.11.2010

Liebe Petra, vielen Dank für deinen netten Kommentar. Bei der Recherche zum Artikel habe ich reichlich Tränen vergossen. Das Thema ist an sich traurig genug, da brauchte es keine Rührseligkeiten.

Liebe Grüße, Anja

Kommentar von Andrea Kunert | 19.01.2011

Liebe Anja,
ich habe diesen Artikel gerade erst gelesen und möchte mich zu 100 % des Kommentars von Petra Malo anschließen.
Da kommen einem die eigenen Probleme, zumindest für einige Zeit, ganz klein vor.
Liebe Grüße
Andrea Kunert

Kommentar von Redaktion AS | 22.01.2011

Liebe Andrea, herzlichen Dank. Dieser Artikel liegt mir auch ganz besonders am Herzen und ich freue mich über jeden, der ihn liest.
Liebe Grüße, Anja

Kommentar von Claudia Lepp | 13.04.2011

Danke für diesen Artikel!!
Eine Würdigung eines großen Mannes mit einem Riesenherz.
LG aus Bayern,
Claudia

Kommentar von Redaktion AS | 14.04.2011

Liebe Claudia,

danke für deinen Kommentar. Ich freue mich, dass wir Leser aus Bayern haben :-)

Liebe Grüße, Anja

Kommentar von Elke | 15.04.2011

Liebe Anja,
der Artikel gefällt mir wirklich sehr gut. Habe heute das erste Mal durch einen Tipp bei "Naklar" reingeschaut und bin begeistert. Werde jetzt sicher ein regelmäßiger Besucher werden und meine Kinder auch.
LG aus Namibia
Elke

Kommentar von Redaktion AS | 16.04.2011

Liebe Elke, danke für deine Mail. Wer hat dir den Tipp gegeben? Ich finde es jedenfalls toll, dass "NA KLAR!" sogar in Namibia gelesen wird.
Viele Grüße aus Tönisvorst nach Namibia,
Anja

Kommentar von Monica Amann | 06.07.2011

Liebe Anja,

vielen Dank für diese bewegende Geschichte. Ich erlaube mir sie mit meinem Facebook Account zu verlinken, damit sie noch mehr Menschen lesen können.

Liebe Grüße
Monica aus Tübingen

Kommentar von AS Redaktion | 06.07.2011

Liebe Monica,

ich freue mich über die Verlinkung mit deinem Facebook Account und dass die Geschichte dich berührt hat.

Viele liebe Grüße nach Tübingen,
Anja