Wortwelten

Der freie Fall

Von Monika Egbringhoff

 Einer meiner vielen Träume als junger Mensch war das Fallschirmspringen. Ich war und bin nicht schwindelfrei, hatte, so meinte ich, überhaupt keine Voraussetzungen, um diesen Traum verwirklichen zu können. Doch er war da, mein Traum. Und ich nahm meinen Traum ernst. Eines Tages, fast 30 Jahre später, sah ich viele viele Fallschirme am Himmel, unglaublich viele. Mein Nacken tat schon weh vor lauter in den Himmel schauen, als sich plötzlich meine Anspannung löste. Ich entdeckte an jedem Fallschirm zwei Menschen. Dann die Erkenntnis: So geht das also, an jedem Schirm hängt ein Mensch, der’s kann und einer, der’s lernt. Dann gab’s für mich nur noch rennen durch eine Waldlichtung, dann über eine Straße, die durch den Wald führte, immer die Fallschirme, gerade noch die Radfahrer, die Autos auf dem Boden im Blick Richtung Sammelplatz. Irgendwo mussten die Fallschirme ja mal landen. Aufgeregt und nassgeschwitzt dort angekommen, fand ich den Vorstand des Vereins, der für die Fallschirmsprünge verantwortlich zeichnete. Ich außer Atem: „Ich möchte Fallschirmspringen, jetzt, geht das?“ Jemand vom Verein: „Klar, wenn du eine Stunde Zeit hast, Mut und 190 DM, dann klappt das.“ Ich fand mich mutig, hatte Zeit und meine ec-Karte dabei. Höhe 3000 Meter: Mein Tandemmaster öffnet die Tür, zieht dabei an den Karabinerhaken, mit denen wir verbunden sind. Eisige Kälte bricht herein aus der tiefen Nichts-Dunkelheit in unser kuscheliges kleines Flugzeug. Ich halte mich drinnen an einem Haltegriff fest, strecke meinen Körper so weit wie möglich in den Innenraum und finde meine Idee vom Fallschirmspringen nur noch bescheuert. Mein Tandemmaster, den es nach draußen zieht, spielt sein komplettes pädagogisches Register, um mir Mut zu machen, um mich zum Springen zu bewegen. Da ist einiges drunter von dem, was ich meinen Schülern erzählte, wenn sie Mühe hatten sich zu trauen. Schrecklich, die Konfrontation mit den eigenen Weisheiten! Um mich nicht durch meine Angst von meinem langjährigen Vorhaben abzuhalten, rufe ich meine rationale Seite ab. Ich erkundige mich zum wiederholten Male bei meinem Tandemmaster nach der Häufigkeit seiner Sprünge, Unfälle und – springe. Ich springe, so als ob ich es endlich hinter mich bringen, die Unsicherheit nicht mehr ertragen will. Ich vergesse alles, was ich am Boden gelernt habe, torkele unkontrolliert mit hoher Geschwindigkeit (ca. 200 km pro Stunde) in die Tiefe. Der Wind stemmt seine Kraft wie mit einer Faust gegen meinen Atem durch meinen geöffneten Mund. Bruchteile von Sekunden später setze ich eine Zäsur im Sinne von: Ich kann jetzt ewig hier so weitertaumeln, nach Luft schnappen, oder ... Ich entscheide mich für das oder. Ich schließe mit Hilfe beider Hände meinen Mund und atme danach bewusst durch meine Nase. Gleichzeitig nehme ich die für Fallschirmspringer typische Haltung ein, die Haltung, die mich vom Torkeln wegbringt hin zum genussvollen Erleben des freien Falls. Meine Stirn ist hochgestreckt, an ihr braust der Wind kräftig vorbei. Und das fühlt sich an wie: Ich kann dem Wind die Stirn bieten, ihm was entgegen setzen.

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