Wortwelten

Serie Orient und Occident - Gedanken zu dem Bild Orient V

Lydia Rosati

Sommer 2004. Ein Freund von mir geht an das Aachener Klinikum und zieht in eine Dachgeschoßwohnung in der Pontstraße. Das Pontviertel wird auch das Quartier Latin von Aachen genannt. Hier tobt das Studentenleben, das ich von der malerischen Dachterrasse aus hautnah mitbekomme. Es ist laut, bunt und quirlig bis tief in die Nacht hinein. Im Erdgeschoß des vierstöckigen Hauses befindet sich ein türkischer Feinkostladen. Mit dem Besitzer unterhalte ich mich über meine Reisen in die Türkei und ich kaufe seinen Vorrat an frischer Minze und pflanze sie zwischen die gelb und rot blühenden Hibiskussträucher und die betörend duftenden Jasminbüsche, die in großen Tonwannen die Dachterrasse in einen kleinen Garten Eden verzaubern. Zwei blau weiß gestreifte Liegestühle warten in dem Holzhäuschen auf mich. Ich genieße den Blick über ganz Aachen und brühe mir trotz oder gerade wegen der Hitze eine Kanne Pfefferminztee auf. Ich genieße die Sonne, den strahlend blauen Himmel und träume von meinen Reisen nach Istanbul, Marrakesch und Casablanca und von den Geschichten aus Tausend und eine Nacht, die mein Vater mir als Kind vorlas. Fast schmeckt mir mein Tee so gut wie in den Ländern, in denen man ihn auf Schritt und Tritt angeboten bekommt. Eigentlich ist das hier der ideale Ort zum Malen, aber ich will ja einfach nur ein Paar Tage Urlaub machen und jeden Stein Aachens kennen lernen. Am nächsten Tag streife ich durch die Pontstraße schaue mir den beeindruckenden Dom und das wunderschöne Rathaus an. Auf dem südländisch anmutenden Marktplatz trinke ich einen Cappuccino, den mir ein Kellner serviert, der wie sich später im Gespräch herausstellt aus Istanbul stammt und hier Architektur studiert. Dann schlendere ich zur Technischen Hochschule, an der mein Vater vor dem Krieg sein Architekturstudium begann, bevor er nach München wechselte. Da mein Freund Nachtdienst hat, kehre ich gegen Abend in ein italienisches Restaurant ein, da ich Lust habe, mich auf italienisch zu unterhalten, schließlich weilten ja auch schon die Römer in Aachen. Schnell erkenne ich, dass die Besitzer türkisch sprechen. Im ersten Moment bin ich enttäuscht und überlege, ob ich in ein anderes Lokal gehe. Ich bleibe, verbringe einen sehr schönen Abend und wundere mich trotzdem, dass mir gerade hier in Aachen soviel Türkei begegnet. Diese Erfahrung mache ich noch in mehreren Cafés und Restaurants, die ich in den nächsten Tagen entdecke. Am dritten Tag komme ich an einem kleinen Laden vorbei, in dem jeglicher Malbedarf wegen Geschäftsaufgabe zu Schleuderpreisen angeboten wird. Da kann ich nicht widerstehen und komme bepackt mit Farben, Pinseln, drei Leinwänden und einer Reisestaffelei wieder zurück auf meine Traumterrasse. Ich lege die Leinwände auf den Boden, ziehe mir meinen Bikini an und vor meinem geistigen Auge verwandelt sich der Kirchturm auf den ich schaue in ein Minarett, von dem aus ein Muezzin zum Gebet ruft. Ich hole die Farben und ein Eimerchen Wasser und beginne zu malen, bzw. Farbe auf den Leinwänden zu verteilen. Es macht mir Spaß mit den leuchten Acrylfarben zu experimentieren. Eigentlich bevorzuge ich Öl, aber an diesem Sommertag fühlt sich Acryl sehr richtig an. Zum Trocknen stelle ich die Bilder um den gemauerten Kamin des Grills. Ein kleines Stück Basar in Aachen! Als mein Freund nach Hause kommt, lacht er und meint, das sei ja klar gewesen, dass meine mir selbst verordnete kreative Pause nicht lange anhalten würde. Jetzt freue ich mich jeden Tag darauf ein paar Stunden zu malen. Die Holzhütte und die Terrasse sind jetzt mein Sommeratelier. Ich habe noch keine genaue Vorstellung vom Endergebnis der Bilder, an denen ich wieder zurück in Düsseldorf noch lange arbeite. Die Gedanken, Erinnerungen und Einflüsse der letzten Tage fließen hinein. Als sie fertig sind verstehe ich, dass ich meinen ganz persönlichen Orient in Aachen gemalt habe. Alle paar Jahre entsteht nun ein neues Bild für die Serie Orient und Occident, die ihren Ursprung in der Pontstraße fand und mich fernab vom politischen Geschehen, immer wieder in die verzaubernde farbenprächtige Vielfalt des Orients zurückführt.

 

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